R.W. Matz - Leichte Beute

... Die kleine Weinstube nahe den Isarauen füllte sich jetzt, nach Mitternacht, ziemlich rasch. Der Wirt sorgte mit seinem Akkordeon für Stimmung und seine Frau sprang, wie unter Strom stehend, von einem Tisch zum nächsten, begrüßte ihre Gäste; plauderte oder trank mit ihnen; brachte die gewünschte Bestellung. Alles in Rekordzeit. Ihr Publikum bestand aus den üblichen Nachtschwärmern, vermischt mit einigen Theaterleuten, und jede Menge einsame Herzen auf der nie enden wollenden Suche nach einem kleinen Glück.

Das Pärchen zwängte sich auf eine Eckbank etwas abseits vom Trubel. Der Herr gab die Bestellung auf: eine Flasche Wein, zwei Birnenschnaps, tätschelte die Hand seiner Bekanntschaft. Beim ersten Treffen hatte er sich ihr als Janus van der Polt vorgestellt, ein interessant und wohlklingender Name, wie er selbst fand; mittlerweile aber waren beide schon längst zum vertraulichen ‚Du’ übergegangen.


„Nun, habe ich dir zu viel versprochen, Ilona. Ist es hier nicht romantisch?“

Sie fand es zu laut und zu voll, lächelte aber dennoch ihrem Begleiter freundlich zu. „Recht nett und volkstümlich.“

Der Mann hätte etwas mehr Begeisterung erwartet. Immerhin galt das Lokal als absoluter Geheimtipp. Wer hier verkehrt, verkehrt nicht verkehrt. Noch dazu mit ihm als Begleitung: einem stattlichen Mann in den allerbesten Jahren, rank und schlank und noch immer auf edel getrimmt. Das weiße Hemd weit aufgeknöpft, sein sauber gestutzter Schnurrbart im Kontrast mit den grau melierten Schläfen, dynamisch und durchtrainiert, den Duft von Armani verströmend. Kein Wunder, dass er auf Frauen betörend wirkte. Er prostete Ilona zu. „Also ich mag diese rustikale Gemütlichkeit."

„Ach Jan, mit dir ist es überall schön.“

Jetzt fühlte er sich doch geschmeichelt.

„Ich habe dir gesagt, du musst unter die Leute. Das Leben geht weiter, auch wenn man einen geliebten Menschen verloren hat. Amüsiere dich und vergiss für ein paar Stunden deinen Kummer!" Er winkte der Bedienung. „Noch eine Runde Willy.“

Ilona wehrte ab. „Bitte nicht, ich vertrage doch kaum Alkohol.“„Keine Widerrede, die Leber wächst mit ihren Aufgaben. Lass uns, wie ausgemacht, das Leben genießen.“

Der Wirt quetschte sich mit seinem Schifferklavier zu ihrem Holztisch. „Schütt die Sorgen in ein Gläschen Wein …" trällerte er lauthals und ein paar Gäste fielen in den Refrain ein. Jan rückte noch näher zu Ilona, streichelte ihre Wange. „Du bist mit Abstand die aufregendste Frau in diesem Laden. Seit ich dich kenne, hat mein Leben einen neuen Sinn bekommen. Ich bin so glücklich, in deiner Nähe zu sein. Dein Lächeln macht die Sonne blind." Er hoffte, dass die Komplimente nicht zu banal klangen, aber wie sonst sollte man jemand überzeugend schmeicheln, der so absolut nichtssagend war wie diese Frau. Kein Vergleich mit Brigitte! Eher der Typ graue Maus. Der Zufall hatte sie zusammengeführt.Sie sprach ihn vor drei Tagen in seinem Stammcafé an: „Warten Sie auf mich?" Jan runzelte die Stirn. „Ich fürchte, da liegt eine Verwechslung vor." Die etwas farblos wirkende Dame legte sich erschrocken die Hand vor den Mund. „Oh, wie peinlich. Das kommt wohl davon, wenn man sich mit einem Unbekannten via Internet verabredet." Die Fremde sah sich nervös um, aber außer ihm befanden sich nur die Chefin und zwei Angestellte, sowie ein verliebtes Pärchen in dem kleinen ‚Kaffeetscherl am Zwinger Eck’. Eigentlich hätte Jan lieber weiter über die Ungerechtigkeit des Lebens sinniert, - vor allem, warum gerade ihn das Schicksal so hart treffen musste: der Audi geschrottet, die Cartieruhr im Pfandhaus; selbst der Versuch, am Spieltisch, das Glück noch mal herumzureißen, kläglich gescheitert: das Leben eben ungerecht! Doch er gab sich einen Ruck und lächelte leutselig. „Sie dürfen ruhig an meinem Tisch Platz nehmen, bis ihr Bekannter kommt. Vielleicht möchten Sie ein Stück Kuchen,- der ist hier besonders köstlich." Die Frau setzte sich augenblicklich. „Ich will aber nicht aufdringlich erscheinen."

Sie bestellte Schokolade und ein Stück Orangensahnetorte.

„So wahr, wie ich Ilona Hoffmann heiße: es ist normal nicht meine Art, fremde Männer an öffentlichen Orten zu treffen. Das Rendezvous haben meine Bekannten eingefädelt. Sie meinen, ich muss unbedingt unter die Leute, brauche Ablenkung von meinen Problemen, Unterhaltung und Spaß. Ständig versuchen sie mich zu verkuppeln. Seit meine beste Freundin verstorben ist, glauben sie, dass nur ein neuer Mann mich aus den Depressionen reißen kann.“

Sie redete wie ein Wasserfall, berichtete über den Schock, als sie ihre Freundin fand: ‚wie schlafend und doch so tot''. Selbstmord- aus Angst vor der Altersarmut und dem Alleinsein.

Ilona seufzte. „Ich habe die Details erst aus dem Abschiedsbrief erfahren. Warum nur hat sie sich nicht an mich gewandt? Hilfe wäre kein Problem gewesen, denn dank einer ansehnlichen Erbschaft bin ich seit kurzem eine sehr reiche Frau." Jetzt wurde Jan langsam hellhörig, erhob sich andeutungsweise vom Sitz und stellte sich mit einer leichten Verbeugung vor. „Van der Polt. Es wäre mir eine große Freude, ihnen ein Tröster zu sein.“„Wenn ich Sie nicht mit ‚Euer Lordschaft’ anreden muss.“

Er lachte amüsiert. „Ich stamme aus einem niederländischen Patriziergeschlecht. Das ‚van’ in meinem Namen bedeutet keinen Adelstitel.“

Die geplatzte Verabredung war vergessen, sie plauderten angeregt. Er erzählte von seiner anstrengenden Kindheit: den Sommern an der Côte d''Azur, den Wintern in St. Moritz, dazu ständig wechselnde Kindermädchen und Privatlehrer; fabulierte von aufregenden Episoden aus seinem Leben und fremden Ländern, prahlte mit dem Kontakt zu zahlreichen Prominenten, die er als Insider nur mit den Vornamen erwähnte und berichtete von seinen geschäftlichen Erfolgen. Und zum Schluss gestand er ihr, dass er sich trotz allem grenzenlos einsam fühlte.

Ilona wirkte ergriffen. „Wie ich, mein armer Freund. Wie ich!“

Zwei verwandte Seelen, es lag also nahe, sich wiederzusehen. Gemeinsame Essen, etwas Kultur; es spannte sich zart der Faden einer Beziehung. Aber jetzt war es Zeit, in medias res zu gehen. Jans Barschaft war erschöpft, sogar die Kneipenrechnung hier würde er Ilona irgendwie aufs Auge drücken müssen. Er war total pleite, auch das bescheidene Zimmer nicht mehr gesichert. Seine allerletzte Bastion in dieser unsicheren Zeit, obwohl er lieber heute als morgen die Pension gewechselt hätte. Denn diese Herberge, obwohl in der Innenstadt gelegen, besaß den Charme einer Kakerlake. Dabei nicht mal billig, nur ziemlich verkommen; mehr Absteige als bewohnbare Unterkunft. Kein Vergleich mit den noblen Schuppen, in denen er noch vor kurzem genächtigt hatte. Und dennoch besaß der versoffene Möchtegernhotelier die Frechheit, ihm mit Rauswurf zu drohen, wenn, wie er sich ausdrückte, ‚wenn nicht morgen frische Kohle rüberwuchs’.

„Woran denkst du“, fragte Ilona und beamte Jan in die kleine Weinstube zurück.

„An uns", erwiderte der Mann. „An uns und unsere Zukunft." Er nahm sie in seine Arme. „Du weißt, ich bin kein Freund großer Worte, aber lass dir gesagt sein, die Liebe hat mich wie ein Blitz getroffen. Mit dir ist mir, als wäre ich wieder zwanzig. Ich möchte jeden neuen Tag an deiner Seite aufwachen; ich will dich verwöhnen, wie dich noch nie ein Mann verwöhnt hat. Und ich will alles mit dir teilen, will dass wir eins werden in diesem Universum. Lass uns die trübsinnigen Schatten der Vergangenheit niederreißen und gemeinsam in die Zukunft sehen. Wir sollten ein Haus kaufen, einen Baum pflanzen, eine Firma gründen. Ich will mit dir zusammenleben. Für immer!" Er sah ihr tief in die Augen.

„Der Morgen gehört uns."

Ilona verzog ihr Gesicht. „Du bist ein richtiger Draufgänger Jan, aber mir geht das alles zu schnell. Was hältst du davon, erst mal eine Weltreise zu machen. Eine schöne Kreuzfahrt, so richtig romantisch, um uns besser kennen zu lernen."

‚Merkwürdig'', dachte der Mann, der sich Jan nannte. Ab einem gewissen Alter stehen die Frauen alle auf romantische Kreuzfahrten, am besten in der Karibik. Selbst Brigitte war von der Idee geradezu besessen gewesen. Obwohl sie natürlich einen ganz anderen Typ von Frau verkörperte. Nicht so unscheinbar und bieder wie Ilona, sondern ganz Dame von Welt, kultiviert und belesen. Mit dem Erscheinungsbild einer Göttin. Sie führte ihn auf die Sonnenseite voller Glanz und Glamour, zeigte ihm das mondäne Leben, für das er geschaffen war. Fast hätte er sich noch in sie verliebt, aber schon sein alter Zellengenosse -einst eine gefeierte Größe im Rotlichtmilieu- hatte ihn gelehrt: vergiss nur vor lauter Liebe das Kassieren nicht! Wobei er statt Liebe ein etwas anzüglicheres Wort benutzte.

Geschäft bleibt Geschäft.

Er hatte Brigitte über eine Annonce kennen gelernt, die er im Pfarrbüro fand, als er dort etwas Geld erbetteln wollte, um seine Obdachlosenhilfe aufzustocken.

Unternehmenslustige Geschäftsfrau im Ruhestand sucht rüstigen Vorruheständler für gemeinsame Exkursionen.Liebe nicht ausgeschlossen.

Die Anzeige war ihm regelrecht in die Augen gesprungen als Lösung seiner momentanen Probleme. Bei seinem letzten Aufenthalt in ‚Sankt Adelheim’ hatte er sich geschworen, ein anderes Leben zu beginnen. Nun erfand er sich neu.

Der Designeranzug aus der Kleiderkammer passte ihm wie angegossen, das teure Parfüm stahl er in einer Drogerie, den Haarschnitt spendierte ihm die Teeküche. Einen aufregenden Lebenslauf hatte er sich schon in der Bibliothek angelesen. Noch eine Dusche in der Großmarkthalle und - gestriegelt und gebügelt- fertig war Janus van der Polt. Dem Rendezvous stand nichts mehr im Weg. Dass er sich zehn Jahre älter machte, brachte ihm sogar die Bewunderung ein, wie gut er sich doch gehalten hatte. Es funkte auf Anhieb. Brigitte und er waren sich selbst genug. Keine Freunde und Bekannte, nur ihr neues Glück. Sie mieden beflissentlich die Orte, an denen sie gemeinsam gesehen werden konnten; was von Vorteil war, als er sie um ihr Geld erleichterte. Er war ein Anonymus. Niemand konnte ihm etwas nachweisen.

Aber die Episode Brigitte gehörte der Vergangenheit an, jetzt musste er sich um das langsam verwelkende Mauerblümchen neben ihm kümmern. Sie schwärmte noch immer von dem Urlaub auf einem Luxusliner.

„Dieses Jahr sogar besonders günstig.“

Jan legte den Arm um ihre Schultern. „Geld dürfte doch nicht dein Problem sein. Eher wie wir es perfekt anlegen.“

Er hob die linke Hand und machte die Bedienung auf sich aufmerksam. „Noch eine Runde. Und geben sie dem Mann an der Quetschen auch einen Schnaps, damit er seine Stimme ölen kann.“

Der Wirt bedankte sich dafür mit einem Tusch und einem Seemannslied. Doch selbst ein etwas schräg singender Musikus konnte zum Mitschunkeln animieren, wenn man dabei war, sich oder seinen Partner schön zu saufen.

Jan prostete Ilona zu, die an ihrem Glas nur leicht nippte, während er den Birnenbrand kippte wie ein Verdurstender. „Ich will ehrlich zu dir sein, Ilona. Eine Kreuzfahrt ist nicht mein Ding. Obwohl ich natürlich mit dir bis ans Ende der Welt reisen würde. Aber ich habe panische Angst vor offenem Wasser, weiß selbst nicht genau warum, kann nicht mal schwimmen. Dazu kommt, dass mich die Finanzkrise härter getroffen hat als erwartet. Eigentlich wollte ich in Ruhe die nächsten Jahre als Privatier genießen, mit dir an meiner Seite, aber die Umstände zwingen mich, noch mal geschäftlich tätig zu werden, um wieder ausgesorgt zu haben. Denn gerade jetzt bietet sich mir eine einmalige Chance -ein Riesengewinngeschäft- genau mein Metier. Leider bin ich nicht besonders flüssig im Moment, suche dringend nach finanzstarken Partnern. Wir könnten ein Vermögen verdienen, jede Einlage verdoppeln. Ich kann dir die Details erzählen, aber alles ist streng vertraulich.“

Ilona schmollte. Eine Schiffsreise war eigentlich ihr Plan gewesen. Jetzt quatschte ihr Begleiter über Geschäftsmodelle.Sie spitzte ihren Mund. „Mein Geld ist gewinnbringend genug angelegt. Also lass uns zuerst gemeinsam Urlaub machen. Ich will etwas erleben, raus aus der Stadt.“

Er konnte sie ja verstehen.

Er hatte selbst die Stadt bisher gemieden, aus Angst, Brigitte über den Weg zu laufen. Momentan aber war es ihm egal. Fast sehnte er ein Treffen herbei, doch wollte er nicht mit leeren Taschen antanzen. Es galt seinem neuen Opfer die Erbschaft aus der Tasche zu locken.

Jan hauchte Ilona einen Kuss ans Ohr. „Wir sind doch noch zu jung, wir müssen was bewegen, den Morgen gestalten. Geld sollte arbeiten, darf nicht auf dem Konto verrotten.“

„Immer nur Geld und Arbeit, Arbeit und Geld. Ich dachte eigentlich, dass du in Geld nur so schwimmst. Völlig sorgenfrei.“

Schön wär’s. Aber wie gewonnen, so zerronnen. Dabei hatte er Brigitte wirklich tüchtig abgezockt. Sie war so blind gewesen wie ein frisch geborener Maulwurf, hatte ihm alles gegeben, sogar noch Kredit aufgenommen. Noch nie in seinem Leben hatte er so eine Menge Scheine auf einem Haufen gesehen, geschweige denn besessen. Wenn einer seiner alten Kumpels auch nur geahnt hätte, dass sich damals in seinem Hotelsafe mehr als eine halbe Million befand, man hätte ihn auf der Stelle umgebracht. Gut, dass er längst nicht mehr in diesen Kreisen verkehrte.

Er zündete sich eine seiner Zigarillos an der Kerze an, inhalierte genüsslich. „Musst du jetzt auch noch die Luft verpesten?!" beschwerte sich Ilona. Jan nickte entschieden, froh darüber nicht vor die Tür zu müssen. „Des einen Freud, des anderen Leid. Wir sind nun mal in einem Raucherlokal. Hier durfte sogar zu Zeiten strengster Antirauchgesetze weiter gequalmt werden. Oder sind wir kleine Kinder, denen der Staat jeden Spaß verderben darf."

Ilona gab sich noch immer verschnupft. „Ach ja und was ist mit dem Schutzbedürfnis der Passivraucher?“

Sein neues Opfer wurde langsam zickig, vielleicht sollte er versuchen besser auf sie einzugehen. Eigentlich hatte er sie unter der Rubrik ‚leichte Beute'' eingeordnet, aber etwas mehr Engagement konnte nie schaden. Er winkte dem obligatorischen Rosenverkäufer -eine mittlerweile fast ausgestorbene Rasse, die nur gelegentlich in Balzrevieren wie diesem anzutreffen war- und orderte eine langstielige Rose. Für mehr war er zu geizig, da er bar bezahlen musste. Dennoch gab er großzügig Trinkgeld und überreichte Ilona die rote Rose. „Für dich meine Liebe, die du schöner bist als alle Rosen der Erde." Ilona nahm die Blume und legte sie achtlos auf den verklebten Tisch. Sie schmollte noch immer. „Was bedeutet, du bist im Moment nicht besonders flüssig? Ich dachte …" Sie geriet ins Stottern. „Du hast docherzählt … Ich glaubte du gibst … Egal! Du musst doch nur so im Bargeld schwimmen." „Schnee von gestern", erwiderte Jan betrübt und sinnierte:

Eigentlich hatte sie ja Recht. Er dachte am Anfang auch, das viele Geld würde ewig reichen. Die Einkäufe in den Luxusboutiquen und beim Juwelier waren ein Klacks. Der Autokauf riss schon eine größere Lücke, war aber wichtig für sein Selbstwertgefühl. Allerdings hätte er wenigstens eine ordentliche Vollkaskoversicherung abschließen sollen, bevor er den Audi in den Graben setzte. Die Frage war nur, ob es viel genützt hätte - betrunken und mit gefälschtem Führerschein. Wenigstens wurde er nicht erwischt. Der Karren war zu verschmerzen. Alles nur Peanuts. Selbst die vielen Scheinchen, die er mit vollen Händen an die Wackelfräuleins verteilte, die Champagnerorgien und die überteuerten Hotels: alles nur Peanuts. Wirklich das Genick gebrochen hatte ihm eine kleine weiße Kugel.

Diese verdammte kleine weiße Kugel. Faszinierend zuzusehen, wie sie, gegen die Drehrichtung in den Zylinder geworfen, über das polierte Ebenholz hetzte, bevor sie in den Zahlenkessel hupfte und Schicksale bestimmte. Spielcasinos wurden seine neue Leidenschaft. Das luxuriöse Ambiente, die angespannte Erwartung, wohin die Kugel fällt, der Geschmack vom schnellen Geld. - Emotionen pur!‘Faites vos jeux, Ihr Einsatz, s’il vous plait.’

Er spielte planlos - nur so zum Vergnügen - und gewann fünfzigtausend Euro. Das Roulette liebte ihn. Jan hatte eine neue Möglichkeit entdeckt, reich zu werden. Und morgens in seiner Suite, als er vor Aufregung nicht schlafen konnte, beschloss er, zu Brigitte zurückzukehren. Sie würde ihm verzeihen -wenn er das veruntreute Geld zurückgab. Mit Zinsen! Er verdoppelte seine Einsätze, spielte an mehreren Tischen gleichzeitig - und verlor. Er studierte die Permanenzen; spielte mal mit der Bank, mal gegen die Bank. Wenn er gewann, gab er großzügig Trinkgeld - für die Angestellten - doch meist sackten die Croupiers seine Jetons ein. Er spielte längst am Limit, annoncierte große und kleine Serie - die Kugel blieb bei den nicht abgedeckten Waisenkindern liegen. Er wechselte die Casinos wie seine Unterhosen - doch er verlor. Das Glück hatte ihn verlassen, jetzt kam noch Pech dazu. Wenn sich kein Hotel in der Nähe fand, schlief er tagelang nicht, vergaß ordentlich zu essen. Langsam ging es ans Eingemachte.

Ein letzter Versuch. Er spielte eine Nacht lang seine Glückszahl - und verlor alles. ‚Rien ne va plus.’

„Nichts geht mehr“, rief die Wirtin der Weinstube in die Runde.

„Auch die Chefin hat ein Anrecht auf Liebesleben.“

Der Wirt hatte längst schon sein Musikinstrument weggepackt und schnapselte mit seinen Lieblingsgästen.

Die Horde Lemminge, die sich jeden Abend zusammenrottete, um gemeinsam abzustürzen, war im Aufbruch.

„Es wird auch für uns Zeit zu gehen.“

Einen Kurzen noch für den Heimweg.

Ilona zahlte mit bösem Blick.

Jan würde sie heimbegleiten und wahrscheinlich sogar ins Bett bringen müssen. Dabei war er bei weitem noch nicht betrunken genug dazu. Ihm graute - wie der Morgen.

Ihr Weg führte zu der erst kürzlich renaturierten Isar, die einst ‚Die Reißende’ genannt wurde. Die Frühlingsluft angenehm frisch; sie schlenderten den Kanal entlang. Ein menschliches Bedürfnis trieb ihn durch die Büsche zur Uferbefestigung. Das rostige Geländer an dieser unwegsamen Stelle - zerborsten. Er liebte es, so hoch über den Dingen zu stehen, den Blick auf sein geliebtes München und er genoss es, in hohem Bogen - wie ein kleiner, böser Junge - weit nach unten in die Strömung zu pinkeln. Was für ein starkes Gefühl, erregend und prickelnd, ganz Mann und ohne Zwang, Endorphine ausschüttend. Ein erhebendes Feeling, das Frauen nicht nachempfinden können.

Ilona monierte von hinten seine Proletenart. Weiber! Er würde sie ausnehmen wie eine Weihnachtsgans und dann zurückkehren zu Brigitte, seiner wahren Liebe.

„Ich bin der König", rief er laut in den anbrechenden Tag. „Der König der Pinkler."

Den Stoß verspürte er kaum, befand sich auf einmal im freien Fall, schwerelos und zeitlupengleich dem Fluss entgegen. Jetzt wusste er, warum er sich ein Leben lang vor tiefen Wassern gefürchtet hatte.

Ilona trat bis an den Rand, obwohl sie nicht schwindelfrei war.

Sie sah Jan ins Wasser stürzen, kurz mitgerissen von den Wogen, und wie einen Stein versinken.

Eigentlich hätte sie ihn lieber auf der großen Reise ermordet, von der ihre Freundin früher immer so schwärmte. Aber obwohl sie improvisieren musste, ist es eine perfekte Rache geworden. Sie hatte Janus gejagt und gestellt - trotz falschem Namen gefunden - er war eine leichte Beute für sie. Aus dem Nachlass ihrer Freundin das Tagebuch - und auf dem Handy ein Foto von Jan vor dem Café - waren ausreichend genug gewesen, um den Kerl aufzustöbern. Die Erbschaft, ausgeworfen als Köder; er hatte angebissen und mit seinem Leben gebüßt. Mit offenem Hosenstall, betrunken ertrunken, das würde keine große Nachforschung geben.

Sie warf die Rose hinterher, sah ihr zu, wie sie davon trieb.

„Für dich, Brigitte!“