Barbara Rossa - Geliebt und doch getreten

Es war ein sonniger Freitagnachmittag, an dem für mich die gemütliche Zeit bei meinen Freunden vorbei war. Die meisten Menschen hatten frei, so daß sie meinen Laden besuchen konnten. Lange hatte sich niemand für mich interessiert, doch an jenem besagtem Tag war es soweit. Eine junge schlanke Frau mit langen Beinen blieb vor mir stehen, begutachtete und befühlte mich, dann nahm sie mich mit, da ich ihr leider paßte. Anfangs fand ich es nicht schlimm bei ihr, im Gegenteil, sie pflegte mich und führte mich überall stolz herum. Auf diese Weise lernte ich viel von der Stadt kennen, in der ich geboren worden war. Aber eines Tages verließen wir diese große Stadt, die mich mit ihren sauberen Straßen, den verschiedenartigsten Artgenossen von mir und den schicken Autos beeindruckt hatte. In ihrem kleinen Wagen fuhren wir durch endlos scheinende Prärie. Mir wurde schon übel von all diesem Bremsen und Gas geben. Schließlich hatte ich es geschafft, ich durfte raus aus dem stickigen und heißen Auto, aber nur um in noch heißerem Sand zu versinken. Igitt - wo waren plötzlich die gepflegten Straßen hingekommen? Hier gab es weit und breit nur Sand, der zudem von kleinen Steinen durchsetzt war, die mich empfindlich in die Haut stachen. In Sekundenschnelle war ich über und über mit feinem Staub bedeckt, was mir gar nicht gefiel!Aber es sollte noch schlimmer kommen - wir marschierten in dieser ungewohnten und einsamen Gegend lustig darauf los. Also vielleicht war es für meine Besitzerin lustig - ich hingegen kämpfte verzweifelt gegen den eindringenden Staub an. Unachtsam stolperte Sabrina - so nannte ich sie für mich - über Steine und Disteln, ihr könnt mir glauben, ein Vergnügen war das nicht! Doch endlich durfte ich mich ausruhen. Dabei hatte ich das Gefühl, als würde ich jeden Moment in dieser sengenden Hitze schmelzen. Vergeblich sah ich mich nach einem schattigen Plätzchen um, aber hier stand nicht einmal ein Baum, unter dem man Schutz hätte finden können. Zu guter Letzt senkte sich die Nacht gnädig über die Erde, was einen raschen Temperatursturz zur Folge hatte. Ein kurzes Stück mit dem Auto, schon hielten wir vor einem kleinen Haus, das mir mit seinen sauber gekehrten Fußböden von Anfang an sehr zusagte. Hier schlief ich erschöpft ein. Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als ich geholt wurde. Gespannt wartete ich, ob Sabrina merken würde, wie dreckig ich war. Aber entweder sah sie es nicht, oder sie igno-rierte es einfach, auf jeden Fall mußte ich, staubig wie ich war, erneut auf die verwilderte Straße hinaus. Hinein in das Auto, raus aus dem Auto und - pfui Teufel - was war denn das? Eine stinkende, klebrige Masse hüllte mich ein. Prustend kam ich wieder heraus und hätte mich am liebsten sofort abgeputzt, aber voller Entsetzen merkte ich, daß überall diese abscheulichen, braunen Haufen verteilt waren. Um sie herum lagen knorrige Äste, vertrocknetes Gras und weit und breit nur Sand. Ich konnte nur hoffen, daß wir hier bald wieder ver-schwinden würden, doch bald erkannte ich, wie trügerisch diese Hoffnung war. Statt dessen mußte ich auf einen wackeligen Holzstamm klettern, der mir seine spitzen Scheite in die Haut bohrte. Zudem schnüffelte auch noch die feuchte Nüster eines Pferdes an mir herum. Dieser Gestank war nicht zum Aushalten. Wo war ich nur hingeraten? In meiner Pein sah ich mich nach Hilfe um, aber soweit ich auch blickte, ich konnte nur Artgenossen von mir entdecken, die sich auch noch wohl zu fühlen schienen. Ohne zu murren stiefelten sie in dieser Landschaft umher, störten sich nicht an dem Dreck und waren folgsame Gefährten ihrer Besitzer. War ich so anormal, weil mich diese Umgebung störte? Vielleicht waren ja die anderen etwas irre! Dennoch - so viele Irre auf einem Fleck konnte es gar nicht geben. Langsam kam ich zu dem Schluß, daß es demnach an mir lag. Als eingefleischtes Stadtkind war ich diese wüstenartige Gegend nicht gewöhnt, doch schien ich hierher zu gehören. So mußte es sein! Im Stillen entschuldigte ich mich bei Sabrina für all die Flüche und Schimpfwörter, mit denen ich sie im Geheimen bedacht hatte. Reumütig erkannte ich, daß die junge Frau schlauer als ich gewesen war. Nicht die große gepflegte Stadt war mein Zuhause, sondern dieses karge Land. Durch diese weise Einsicht gestärkt, gewöhnte ich mich an die neue Umgebung, ja ich begann sogar, mich in ihr wohl zu fühlen. Es machte mir nun nichts mehr aus, schmutzig zu bleiben, in matschigem Boden zu waten und sogar auf dampfenden Pferdeleibern getragen zu werden. Schlicht - ich wurde ein treuer Gefährte von Sabrina. Von Tag zu Tag genoß ich es immer mehr, sie durch meine stabile Haut vor Disteln, spitzen Steinen und den Bissen gefährlicher Tiere, die hin und wieder an mir vorüberzogen, zu schützen. Sabrina dankte es mir, indem sie mich ständig meinen Freunden vorzog. An einem heißen Tag, kühle gab es eh sehr wenige, wollte unsere Autofahrt nicht enden. Neugierig wartete ich auf das Ziel, das wir in der Abenddämmerung endlich erreichten. Was ich zu sehen bekam, erfüllte mich mit Staunen. Eine riesige, blaue Fläche breitete sich vor mir aus. Doch zuvor versank ich in tiefem weichen Sand, der so ganz anders als daheim war, dann wurde es naß. Umhüllt von dieser blauen Fläche spürte ich, wie Wassertropfen in mich eindrangen. Es war kein angenehmes Gefühl, deshalb registrierte ich es dankbar, wie Sabrina mich in die Hände nahm. Vor hier oben konnte ich erkennen, daß sich dieses Wasser in die Unendlichkeit erstreckte. Nachdem Sabrina wieder in den trockenen Sand zurückgekehrt war, ging es zusammen zum Wagen zurück. Sofort grub sich nasser Sand in meine Innereien, so daß ich bei jedem Schritt ein unangenehmes Kratzen verspürte, aber Gott sei Dank befreite mich Sabrina davon. Nach einer kurzen Nacht in einem fremden Zimmer fuhren wir nach Hause zurück, wo ich glücklich meinen trockenen Boden begrüßte. Wieder einmal waren wir in unwegsamem Gelände unterwegs. Plötzlich passierte es - mit einem unheilverkündendem Knirschen ging etwas in mir entzwei. Humpelnd schleppten wir uns den langen Weg ins Haus, in dem Sabrina einen Freund von mir holte, während ich in den Kofferraum wanderte. Hätte ich vorher gewußt, was auf mich zukam, glaubt mir, ich wäre nicht mitgekommen. Zwei fleischige Hände packten mich, drehten mich nach allen Seiten, und dann landete ich in einer Ecke. Mit Entsetzen mußte ich mit ansehen, wie Sabrina mich hier alleine ließ. Traurig lag ich da - war dies das Ende? Nach einer unruhigen Nacht ergriffen mich diese Pranken erneut, dann begann das Entsetzliche. Mit furchtein-flößenden Geräten schlug man auf mich ein, zugleich zog man an mir, und zuletzt kam das Schlimmste - spitze Nägel bohrte der Mann tief in mich hinein. So plötzlich wie es angefangen hatte, so plötzlich war es vorbei - doch alles an mir schmerzte. Verloren döste ich in meiner dunklen Ecke, als die Türe aufging und Sabrina erschien. Meine helle Freude könnt ihr euch sicher vorstellen! Allmählich verheilten meine Wunden, während die Tage ihren gewohnten Gang nahmen. An einem Morgen, der wie gewohnt begonnen hatte, packte mich Sabrina und putze mich ausgiebig - meine Überraschung war enorm -, dann nahm sie mich mit auf eine weite Reise. Staunend bestieg ich ein großes graues Monstrum, das ich noch nie zuvor gesehen hatte. Vor einem schmalen Sessel durfte ich mich ausruhen, derweil der Raum zu beben begann. Kurz danach schien sich die Erde unter mir zu senken, was mir ein ungutes Gefühl bereitete. Am Ziel angekommen schlich ich durch eine gewaltige Menschenmenge, die auf eine schmale Tür zueilte. Furchtsam besah ich die fremden Kollegen, aber keinen einzigen Artgenossen konnte ich entdecken. Nichts, rein gar nichts erinnerte an mein Zuhause, denn hier war alles extrem sauber, die Straßen rochen nicht nach Pferden, sondern nach Öl, außerdem herrschte ein ungewohnte Hektik. In der mir neuen Wohnung - Sabrina schien sich hier wie Zuhause zu fühlen - versank ich in einem weichen Teppich und kam dann ich eine Ecke. Als die Nacht hereinbrach, fühlte ich mich sehr einsam. Ich spürte, daß sich etwas Entscheidendes verändert hatte. Auch am nächsten Tag wurde es nicht besser, denn Sabrina bevorzugte einen unbekannten Kollegen. Allein, verlassen und unendlich verwirrt blieb ich zurück. Ich verstand die Welt nicht mehr - was war nur geschehen? Aber mein Wehklagen nützte nichts, ich mußte viele Tage in meiner Ecke verharren. Auf einmal, ich konnte mein Glück nicht fassen, holte mich Sabrina. Frohgemut liefen wir nach draußen - doch oh Schreck - hier versank ich in weicher, weißer Masse, die mir gänzlich unbekannt und sofort unsympathisch war. Das Schlimmste jedoch war diese ekelhafte Kälte. Erbarmungslos drang sie in alle Poren, während ich spürte, wie dieses feuchte Weiß durch meine Sohlen kroch. Zu meinem Entsetzen verlor ich auch noch den Halt, so daß ich gemeinsam mit Sabrina zu Boden ging. Nach diesem Schock rappelte ich mich langsam auf, und rutschte vorsichtig zur Haustüre zurück. Fast erleichtert verzog ich mich wieder auf meinen Platz. Eins hat mich dieses Erlebnis wahrlich gelehrt - ich, der Cowboystiefel - gehöre nicht in den Schnee, sondern in die Wüste!